Keine Minibar – na toll!

Abends kurz nach 23 Uhr ist sie müde von den Verhandlungen und Gesprächen und will vor allem eins: eine Dusche, ein anständiges Bett und vorher noch in Ruhe etwas trinken. „Unsere Hotelzimmer führen ab sofort keine Minibar mehr. Mit dieser Massnahme können wir den Strombedarf des Hotels um 11% reduzieren.“  Na toll – warum hat das vorher niemand gesagt?

Betriebliche Massnahmen, um den Energiebedarf zu senken und die Nachhaltigkeit zu steigern, brauchen eine begleitende Kommunikation. Sonst werden sie von der Kundschaft nicht oder sogar negativ wahrgenommen, wie bei der Minibar. Das kleine Schild, welches im Hotelzimmer auf dem Tisch befestigt ist, kann dem Gast kein anerkennendes oder nachdenkliches „Aha“ entlocken.

„Business-Gäste haben für Nachhaltigkeits-Massnahmen oder Abweichungen beim Grundangebot nicht unbedingt Verständnis, vor allem dann nicht, wenn ihnen keine komfortable Alternative angeboten wird“, erklärt Kathrin Spiller, Geschäftsführerin des Nachhaltigkeits-Labels ibex fairstay. Anders sei es bei Feriengästen: Sie interessieren sich mehr für die Philosophie des Beherbergungsbetriebs, insbesondere wenn sie sich in besonderen Produkten und dem Konzept des Hotels niederschlägt, und wenn die Gastgeber im Gespräch darauf aufmerksam machen. Vielen Betrieben gelinge es, das weniger an Komfort oder die veränderte Ausgestaltung des Angebots den Gästen auf eine positive Weise zu kommunizieren. Aber das Thema Minibar sei sehr schwierig –   einerseits weil die Gäste im Hotel eine Minibar erwarten, andererseits weil dieses Asset ab 4 Hotelsternen immer noch „Sterne“-wirksam ist. Ibex fairstay empfiehlt das tägliche Bereitstellen von Wasser auf dem Zimmer (dafür braucht es keine Minibar) und eine Getränkestation auf der Etage: So gäbe es Sterne und versöhnliche Business-Gäste.

Die Schweizer Jungendherbergen, Vorbild für nachhaltigen Tourismus, schreiben im Nachhaltigkeitsbericht: „Die Sensibilisierung des Gastes für Nachhaltigkeitsaspekte und deren vielfältige Ausprägung ist eine potentielle, nicht unerwünschte Nebenwirkung eines Aufenthaltes.“ Das ist wohl etwas zu defensiv. Ich denke, dass es gar nicht möglich ist, auf hohem Niveau nachhaltig zu wirtschaften, ohne dass die Kundinnen und Kunden und Stakeholder damit konsequent konfrontiert werden.

Die sinnvolle Abstimmung der Kommunikationsmassnahmen rund um die Nachhaltigkeit im Betrieb ist anspruchsvoll. Im Dialog mit der Kundschaft, mit Mitarbeitenden, über Printprodukte, via die Website, auf Social Media, mittels Partnerschaften und Labelplattformen, auf der Speisekarte…?

Ein überzeugendes Kommunikationskonzept verbindet die verschiedenen Massnahmen zu einem Ganzen und ist für den Erfolg einer Nachhaltigkeitsstrategie unverzichtbar!

Sogar noch etwas mehr sollte verbunden werden: Neben der planbaren Kommunikation gibt es noch die informelle Kommunikation: die Lidl-Einkaufstasche hinter der Theke, der Geruch nach Heizöl aus dem Keller… Glaubwürdig wird das Engagement, wenn alles Sichtbare und Unsichtbare im Betrieb zu den Versprechen passt.

Also wenn das Hotel:

  • für die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr wirbt (eventuell ergänzend einen kleinen Shuttle-Service vom Bahnhof anbietet)
  • während des Aufenthaltes mit Gratis-öV glänzt
  • die Direktorin oder der Direktor mit dem Tram oder dem Postauto zur Arbeit kommt

Jürgen Schulz

 

 

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